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von Karin Hahn

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Philip Roth: Exit Ghost, Deutsch von Dirk van Gunsteren, Rowohlt Verlag, rororo, Taschenbuch, Reinbek 2009, 297 Seiten, €9,95

„Warum hatte ich Prostatakrebs bekommen? Warum hatte ich diese Morddrohungen bekommen müssen? Warum muss das Nachlassen der eigenen Kraft so rasch und grausam sein?“

Fragen über Fragen, die sich der auf sich zurückgezogene 71-jährige Nathan Zuckerman stellt. Wieder kreist Philip Roth um das Thema Sterben, die Demütigungen und Einsamkeiten des Alters, die Sorge um den Nachruhm und die unstillbare Begierde, die nicht nachlassen will.

Der erfolgreiche Autor, der nach antisemitischen Attacken vor 11 Jahren aus New York in ein einsames Haus in Massachusetts gezogen ist, einen Roman nach dem anderen schreibt und sich für die aktuellen Themen der großen Welt nicht mehr interessieren will, kehrt nach New York ins brodelnde Leben zurück, um einen Eingriff gegen seine Inkontinenz vornehmen zu lassen. Vom neuen Lebensgefühl und der Hoffnung auf ein normales Dasein ohne Windeln und der Großstadt beseelt, entsteht die Idee sein Haus in den Bergen für ein Jahr gegen eine Wohnung in der Upper West Side zu tauschen. Schnell ist ein Paar, Jamie und Billy, gefunden, dass welch seltsame Fügung ebenfalls zur schreibenden Zunft zählt. Der Plan reift heran, denn ausgerechnet Jamie, eine bildhübsche, wohlhabende Frau, regt in Nathan das alte Begehren, trotz Impotenz. Zuckermans körperlicher Zustand ist peinigend, auch seine geistige Verfassung lässt den alten Mann mehrmals verzweifeln. Und trotzdem ist da diese sexuelle Gier gepaart mit dem quälenden Beschreibungen der Krankheit.

Und die Vergangenheit holt Zuckerman ein, die Erinnerungen an seinen schreibenden Freund E.J. Lonoff und einen aufdringlichen Bekannten von Jamie, der unbedingt ein Geheimnis um Lonoff enthüllen und eine Biografie schreiben will. Der Boden für den altbewährten Zuckerman-Stoff wäre bereitet.

Quälend und in Endzeitstimmung zieht sich die Krankheitsgeschichte dahin, denn auch die medizinischen Eingriffe verhindern nicht den ungehemmten Urinlauf. Peinlich berührt den Leser die Altersgeilheit und die Sehnsucht des Autors, dass Jamie sich ihm hingegen sollte. Szenisch malt sich der Schriftsteller diese erregende Situation als Dialog aus.

Zuckerman begegnet in New York der ehemaligen Gefährtin von Lonoff, Amy Bellette, die er ebenfalls in jüngeren Jahren begehrte. Nun ist sie ein körperliches Wrack und lebt in bedauernswerten Verhältnissen. Berührend und irgendwie traurig schildert Philip Roth diese beiden alten Menschen und ihren Lebensabend, der von Erinnerungen gespeist ist. Beide können sich nicht mehr erinnern, in welchem Restaurant sie sich eigentlich treffen wollten. Einig sind sich Amy und Nathan in ihrer Abwehr gegen den Übergriff des aufdringlichen und gefühllosen Journalisten, ein Freund von Jamie, der um der Sensation willen Lonoff entblößen will. Beiden steht deutlich vor Augen, dass es hier nicht mehr um eine seriöse Durchforschung eines Lebens, eines literarischen Werkes geht, sondern die perfiden Spiegelungen von Fiktion und Realität in allen veröffentlichten Texten des Autors.

Im Roman „Exit Ghost“ dreht sich alles ums Schreiben als lebenswichtige Notwendigkeit, ein Elixier auf das Nathan Zuckerman immer zurückgreifen kann. Die Auseinandersetzung mit dem oberflächlichen Kulturjournalismus, den zeithistorischen Themen, erneute Wahl des amerikanischen Präsidenten Bush, der 11. September u.a. holen trotz aller Distanzierung auch den alten Zuckerman ein.

Ein streitbarer Roman – lesenswert und doch szenenweise quälend ehrlich.


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