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Jugendbuch

Anna Perera : Guantanamo Boy, Aus dem Englischen von Bernadette Ott, cbt, München 2009, 384 Seiten, �,95

„Khalid betrachtet immer und immer wieder sein Leben, als würde er durch ein altes Fotoalbum blättern.“

Erst im Februar diesen Jahres erschien das Jugendbuch in Großbritannien und bereits im August liegt es auch in der deutschen Übersetzung von Bernadette Ott in unseren Buchläden. Aktuell dazu erschien auch die Meldung vom 30.7.2009, dass der jüngste Gefangene im US-Lager Guantánamo Bay auf Kuba, Mohammed Jawad, im August freikommt. Das verfügte eine Bundesrichterin in Washington. Jawad war laut seinen Anwälten erst zwölf Jahre alt, als er 2002 unter dem Vorwurf inhaftiert wurde, in Afghanistan eine Granate auf US-Soldaten geschleudert zu haben.

Anna Perera, die mit „Guantanamo Boy“, neben Kinderbüchern nun ihr erstes Jugendbuch vorlegt, hat sich die Geschichte von Mohamed el Gharani ( genaueres kann man auf ihrer Website nachlesen) angehört. Stellvertretend für viele minderjährig Inhaftierte, die ohne jegliche Schuld im amerikanischen Gefängnis auf dem US Navy Stützpunkt in Kuba unter unmenschlichen Bedingungen vegetieren müssen, hat die englische Autorin beschlossen fiktiv über ein Einzelschicksal zu schreiben.

Khalid, 15 Jahre alt, lebt als Sohn einer pakistanischen Einwandererfamilie in der Nähe von Manchester. Als Moslem ist er nicht streng gläubig, hängt mit seiner Clique ab, trinkt auch mal ein Bier, ist ganz gut in der Schule, interessiert sich für das örtliche Fußballteam und Niamh, ein irisches Mädchen. Ein typischer Teenager, der sich von seinen Eltern abgrenzt und nach eigenen Wegen sucht.

Jeder junge Leser kann sich mit Halied identifizieren, denn seine alltäglichen Probleme sind die Probleme vieler Jugendlicher. Khalid chattet am liebsten mit seinem Cousin Tariq, sein einziger Kontakt nach Pakistan. Tariq denkt sich ein Computerspiel, ein Strategiespiel aus. Er nennt es Bomber one, an dem sich auch andere Spieler weltweit beteiligen können. Dieses Spiel wird den beiden Jungen zum Verhängnis als Khalid mit der Familie in den Osterferien 2002 nach Karatschi reist und sich bei Tariq einloggt. Schwarz gekleideten Männern entführen den Jungen gewaltsam aus dem Haus. Ab diesem Zeitpunkt wird sich Khalid zwei Jahre lang in einem rechtsfreien Raum befinden. Er braucht lang um zu verstehen, dass er, egal was er sagt, für seine Peiniger, zuerst sind es Pakistani, dann Amerikaner schuldig ist, denn eine Unschuldsvermutung existiert für ihn nicht.

Der 15-Jährige wird auf seinen Stationen von Pakistan über Afghanistan bis nach Guantanamo Bay geschlagen, gedemütigt und aufs grausamste gefoltert. Immer in Ketten entzieht man dem Jungen vor den sinnlosen Verhören den Schlaf und er sitzt in Isolationshaft. Der Vorwurf an ihn lautet, er sei Mitglied eines Terrornetzes, das Bombenanschläge auf London und andere Städte vorbereite. In Kandahar hält er dem physischen und psychischen Druck nicht mehr stand und unterschreibt im naiven Glauben, er käme frei, ein Geständnis. Die Reise geht dann nach Kuba. Khalid sitzt wieder in Einzelhaft und droht seine Beziehung zur Wirklichkeit zu verlieren. Nur die Erinnerungen an die Familie, die Freunde an Niamh, auch wenn sie noch so bedeutungslos sind, geben ihm Hoffnung. Er beginnt sich Schmerzen zuzufügen, um sich selbst zu spüren. In wenigen Gesprächen mit Inhaftierten versucht Khalid seine Lage zu erörtern und stellt Fragen. Zum erstenmal liest er den Koran und sehnt sich doch nach anderen Büchern.

Anna Perera hat einen eindringlichen Jugendroman geschrieben, der den Leser bewegt und seine Wahrnehmung schärft. Im Präsens geschrieben, unterstreicht sie so die Authentizität des Geschehens. In einer bildreichen und kraftvollen Sprache erzählt die Autorin sehr nah an ihrer Figur, wie die amerikanische Regierung die Menschenrechte sträflich missachtet. Unmittelbar durchlebt und durchleidet der Leser alles, was Khalid ertragen muss. Durch den auktorialen Erzähler entsteht aber auch eine Distanz. So wie Halied ab und zu von außen sein Schicksal betrachtet und nicht fassen kann, dass ihm das alles geschieht – genauso wenig kann der Leser begreifen, dass diese Ungerechtigkeiten geschehen dürfen.

Anna Perera schlägt keinen dramatischen Ton an, sie entwirft expressive Bilder und scheut sich nicht vor ergreifenden Szenen gerade am Ende des Romans.

Anna Perera zeigt Halieds Entwicklung vom ungestümen Jungen, der am Beginn seiner Entführung nur an Rache denken kann, hin zu einem nachdenklichen, einfühlsamen, sehr ruhigen Menschen, der erkannt hat, dass Hass immer wieder nur neuen Hass schüren kann und das das keine Lösung sein kann.

So lange wahre Geschichten des Lebens erzählt werden, gibt es keine Vergänglichkeit. Anna Perera macht dem Leser mit ihrem Jugendbuch bewusst, wie wenig selbstverständlich heute Frieden, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sind.

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