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Hans – Joseph Ortheil: Die Erfindung des Lebens, Luchterhand Literaturverlag, München 2009, 589 Seiten, 22,95 Euro

„Dass die große Natur die beste Schule ist, die es überhaupt gibt, das war, in eine einfache Form gebracht, Vaters ganzes Credo.“

Wer die Bücher von Hanns-Josef Ortheil verfolgt, darf sich diesen autobiographischen Roman nicht entgehen lassen. Bereits in Interviews hatte der Autor von seiner Mutter, die nur über Zettel mit dem Kind und dem Vater kommunizierte, berichtet. Das ließ aufhören. Nun erzählt Hanns-Josef Ortheil während eines Aufenthaltes in Rom ( hier sollte seine Karriere als Pianist beginnen ) in Erinnerungsstücken von seiner Kindheit, die in den frühen 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts beginnt. Der Autor sagte in einem Interview auf die Frage nach der Intention seines Romanes: Es sei „das Projekt einer inneren Entwicklungsgeschichte, der Psychologie einer Entwicklung, darauf liegt das Gewicht."

Rund zehn Jahre benötigte Hanns-Josef Ortheil, um diesen Roman seiner Kindheit zu schreiben; immer wieder unterbrochen von Innehalten, Erschrecken, Zweifeln, ob sich diese persönliche Geschichte überhaupt erzählen lässt.

In einem fast „skurillen Autismus“ gefangen, sind die schweigende Mutter und das stumme Kind Johannes eine Symbiose eingegangen. Das Kind übernimmt die Vorsicht der Mutter, kümmert sich um alles und steht doch am Rand. Niemand spielt mit ihm. Was ist geschehen? Das Kind weiß, in der Vergangenheit liegt der Schlüssel für das rätselhafte Verhalten der Mutter. Sie liest, lebt in sich gekehrt. Nur der Vater, eine Frohnatur, durch seinen Beruf als Vermessungsingenieur oft in der Landschaft, verbreitet eine normale Stimmung und nimmt das Kind auch mal in den Arm. Mutter und Kind sind ausgeschlossen. Erst durch das Klavierspiel lebt das Kind auf, spürt sich und findet eine Art sich auszudrücken.

Die Katastrophe beginnt als Johannes in die Schule kommt. Stumm sitzt der Junge in der letzten Reihe und muss den Spott seiner Schulkameraden ertragen. Der Junglehrer, überfordert mit Johannes, der so anders ist, stimmt in diesen Chor der Kinder ein. Hier, endlich, wacht der Vater auf und zieht die Notbremse.

Er denkt sich instinktiv ein Genesungsprogramm für den Sohn und die Mutter aus. Zu tragisch ist beider Schicksal. Zwei Söhne sind tot geboren, zwei Söhne wurden Opfer des Krieges und die Mutter musste mitansehen, wie einer ihrer Söhne an einem Granatsplitter stirbt.

Hanns-Josef Ortheil erzählt in einem ruhigen, emotional sehr beteiligten, aber nie rührseligen oder gar sentimentalen Ton von seinen Erinnerungen. Wie manisch beginnt das Kind Beobachtungen aufzuschreiben und Dinge zu benennen, denn durch die intensive Fürsorge des Vaters beginnt Johannes auch wieder zu sprechen. Mit ihm heilt auch die Mutter und findet wieder ins Leben zurück.

Hanns-Josef Ortheil besticht durch seine positive Sicht auf die alltäglichen Dinge und berührt durch seinen einzigartigen, so unterhaltenden Stil, der diese Erinnerungen zu einem unvergesslichen Leseerlebnis werden lassen.

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