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Doris Gercke: Pasewalk – Eine deutsche Geschichte, Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg 2009, 160 Seiten, € 16,99

„Inzwischen weiß ich, dass die Abwesenheit Zeit - oder Geschichte – die Voraussetzung dafür gewesen ist, dass ich bis dahin ein einigermaßen erfolgreiches Leben geführt hatte.“

In dem Moment, wo Dora ihr Familienleben, die nationalsozialistische Vergangenheit des Vaters an sich heranlässt, handelt sie extrem. Sie fühlt sich für ihren Vater schuldig und scheint ihn – nicht nur symbolisch – töten zu müssen. Dora Winters Familie stammt aus Pasewalk, einer Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern mit

12 000 Einwohnern. In mehreren Zeitebenen und aus den unterschiedlichen Perspektiven von vier Frauen erzählt die Autorin von einer deutschen Familie. Pasewalk, eine Stadt, die ihrem Führer nach 1939 ein weihevolles Denkmal setzt, wird der Wohnort der resoluten Lene aus Hamburg. Sie verhilft der Familie zu einem Haus und etwas Wohlstand. Ihre Tochter Margot bleibt unter der Fuchtel der Mutter und der Liebe des behinderten Vaters ein Kind, dass sich früh einen starken, zum Nationalsozialismus hingezogenen Mann auswählt. Ihre Tochter Dora erlebt den Vater nur als aus dem Krieg zurückgekehrten stummen Mann.

Seit 17 Jahren sitzt sie im Gefängnis. Sie hat in Polen im Fieberwahn eine fremde Frau erschossen und sich später selbst angezeigt. Ihre Enkelin Lisa, eine Anwältin, hat sie nie besucht. Dabei ist Lisa bei ihrer Großmutter aufgewachsen. Als sie 14 Jahre alt ist, holt die Polizei die „alte Frau“, wie sie Lisa heute nennt. Erst als Lisas Freund sie auffordert, doch endlich den Kontakt zur Oma aufzunehmen, fühlt sie sich gedrängt und besucht sie. Aber Lisa nimmt der Großmutter ihre Tat immer noch übel. Sie hat sie allein gelassen. Aber die junge Frau ist stark und doch, sie will sich nicht mit der deutschen Vergangenheit auseinandersetzen. Als die Großmutter sie auffordert, Pasewalk zu besuchen, folgt sie widerwillig diesem Rat. Einsam fühlt sich Lisa in der tristen Stadt, in der der Rechtsradikalismus immer noch ein Zuhause hat. Aber das wird sie erst zum Ende des Romans schmerzlich erkennen.

Lisa und Dora werden nie eine Sprache füreinander finden. Das ist tragisch.

Doras Familiengeschichte wird in knappen Szenen erzählt. Doris Gercke bedient sich dabei einer sehr komprimierten, lakonischen Sprache. In nur wenigen Worten zeichnet sie ein gesellschaftliches, wie soziales Panorama der Zeit seit 1902 bis in die Gegenwart. Nach eigenen Aussagen der Autorin trägt die Geschichte zum Teil auch autobiographische Züge.

Doris Gerckes Roman, bekannt geworden ist die Autorin durch ihre Bella Block-Krimis, verstört durch seine Sprache und zieht den Leser tief in die Vergangenheit hinein. Und sie zeichnet ein kritisches Bild vom gegenwärtigen Verhältnis zwischen Deutschen und Polen.

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