REZENSION

von Karin Hahn

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WINTER 2010

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Mikael Engström: Ihr kriegt mich nicht!, Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer, Carl Hanser Verlag, 272 Seiten, €15,90

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„ Wie weit ist es bis Nangijala? Er war schon ein gutes Stück hinausgetrieben. Hier draußen war er frei. Er streckte sich im Kanu aus und schaute in den Sommerhimmel.“

Der schwedische Autor Mikael Engström hat sich durch seinen realen, sozialkritischen Jugendroman „Brando“ einen Namen gemacht. In seinem neuen Buch bleibt er dem Thema treu und erzählt von Mik Backman, dem extrem dünnen, völlig vernachlässigten Jungen mit den großen Ohren, der in die fünfte Klasse geht. Mik kann nie seinen Freund Ploppy zu sich einladen. Immer neue Ausreden muss er sich ausdenken, denn niemand soll erfahren, dass Miks Vater Alkoholiker ist. Tony, Miks älterer Bruder, hält die Familie so weit es geht über Wasser. Er bestärkt den Bruder sich nichts gefallen zu lassen. Aber Mik kennt keine Grenzen, nur die Angst, die wie eine Schlange in seinem Magen die Schuppen aufstellt. Mik lebt in einer Welt voller Lügen und Träume. Es sind die Extreme, die ihn innerlich zerreißen. Er malt Horrorszenarien, um sich abzulenken und liebt Astrid Lindgrens Geschichte „Brüder Löwenherz“. Die Verfilmung des Kinderbuches über die beiden sich innig liebenden Brüder begleitet den einsamen Jungen in allen Lebenslagen. Mik spürt keine Gefühle für seinen Vater, nur die verstorbene Mutter lebt in seinen Erinnerungen. Mik schlägt sich irgendwie durch den Alltag bis das Jugendamt auf ihn aufmerksam wird. Von Stockholm aus fährt Mik spärlich bekleidet in den hohen, kalten Norden. Dort lebt seine Tante Lena, die Schwester des Vaters, ebenfalls eine Außenseiterin in ihrem kleinen Ort. Vorübergehend soll er bei ihr wohnen. Mik fühlt sich bald heimisch bei Lena. Unkonventionell und selbstbestimmt führt sie ihr Leben, in das Mik gut hineinpassen würde. Nach und nach lernt Mik die schrulligen Nachbarn, aber auch die Kinder des Dorfes, die mit Mik eine verschworene Gemeinschaft bilden, kennen. Zum ersten Mal findet der Junge, bei allem Blödsinn, den sie veranstalten, Anerkennung und Zuneigung. Niemand macht ihm etwas vor. Doch das Amt holt den Jungen nach Stockholm zurück und alles beginnt von vorn. Wie ein Spielball wird der Junge hin und her geschoben. Die Beamten haben und nehmen sich wenig Zeit und die Schulpsychologin glaubt Mik nie die Wahrheit, sondern nur die Lügen. Gewalt, in welcher Form auch immer, Mik ist ihr ausgeliefert und es wird noch schlimmer kommen. Er wird in eine „funktionierende Familie“ abgeschoben, die den Jungen nur als billige Arbeitskraft ansieht und ihn quält. Mik wehrt sich und flieht. Niemand kümmert sich um Miks Innenleben, niemand gibt sich wirklich Mühe, den Jungen kennenzulernen.

Mikael Engström zeichnet einfühlsam und fern jeglicher Klischees das Bild eines „Alkikindes“, das irgendwann sich selbst so nennt. Von der Gesellschaft abgestempelt erkennt Mik, er muss sich seinen Platz selbst erkämpfen. Dabei wird er vor nichts zurückschrecken und sich selbst in höchste Gefahr bringen.

Mikael Engström erzählt kein Sozialdrama. Miks Geschichte ist voller Spannung und trotzdem einfühlsam geschrieben. Der Autor verliert sein Zielpublikum nicht aus den Augen und konzentriert sich auf die inneren Probleme des Jungen, die den Leser berühren und beschäftigen.

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