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von Karin Hahn

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Uwe Tellkamp: Der Turm, Geschichte aus einem versunkenen Land, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008, 976 Seiten, €24,80

„Im Land schien etwas vorzugehen, die Starre und Trägheit war nur noch eine dünne Schicht, unter der sich etwas regte, ein Embryo mit noch unscharfen Konturen, der in der Gebärmutter aus Gewohnheit, Resignation, Ratlosigkeit reifte, manchmal schienen die Menschen die Fruchtbewegungen zu spüren, die Schwangerschaft der Straßen, der rauchverhangenen Tage.“

Mit Uwe Tellkamps voluminösem, preisgekröntem Roman taucht jeder Leser mit seinen persönlichen Erinnerungen in den Teils bitterernsten Teils auch unfreiwillig komischen DDR- Alltag in der Zeit von 1982 bis 1989 ein. Auch wenn Tellkamps Hauptfiguren, die am Weißen Hirsch in Dresden-Loschwitz, im so genannten „Goldstaubviertel“ wohnen, das Paradies war es auf keinen Fall, ausgenommen für Baron Arbogast, der auf sein „von“ besonderen Wert legte, privilegiert arbeiten und ausgezeichnet leben konnte. Der Rückzug in die Nische garantierte ein minimales Quentchen geistiger Freiheit mit Goethe oder Schubert ohne Klassenstandpunkt, doch jede „Türmer“-Figur ist, trotz intellektueller Interessen und der Hinwendung zur Vergangenheit, mit dem real existierenden Sozialismus schmerzlich verbunden ( kein Inseldasein wie in Rezensionen kolportiert ), ob nun als hilfloser Lektor wie Meno, dem wie einem Schüler gleich der Chef mit einem Rotstift in den Manuskripten herumfuhrwerkt, ob als Arzt wie Richard Hoffmann, der unter unzumutbaren Verhältnissen, von der Stasi überwacht, arbeiten muss oder als in den Dienst gezwungener Unteroffizier wie Christian, der nicht dem Kadavergehorsam, sondern seinem Gewissen folgt. Vom Leben in der untergehenden grauen Mangelgesellschaft, in der niemand hungert und doch keiner richtig atmen kann, davon erzählt Uwe Tellkamp in einer berauschenden Sprache, mal satirisch, mal mitfühlend und dann wieder unsentimental ehrlich. Neben Menos eigenen literarischen Versuchen, auch Tagebuchaufzeichnungen, spürt der Autor in seinen langgestreckten Handlungssträngen den Figuren nach, gibt ihnen unverwechselbare Charaktere. Bei Arbogast ist klar, dass Manfred von Ardenne das Vorbild ist, beim anderen Figuren, obwohl dies kein Schlüsselroman ist, müsste man mutmaßen, wer sich dahinter verbergen soll. Eine der Hauptfiguren ist Meno Rohde, der Lieblingsonkel von Christian, ein Zoologe, der aktiv in der evangelischen Kirche nun als Lektor für die feine „Dresdner Edition“ arbeitet. Neue Projekte werden nicht realisiert. Dann ist da Christian, Sohn des Arztes und Hand-Spezialisten Richard Hoffmann. Die Figur des Christian gleicht zumindest in den biografischen Daten dem Autor. Viele Szenen wirken authentisch, dem Alltagsleben abgelauscht und dabei schonungslos ehrlich, wenn es um das Misstrauen untereinander geht, um Repressionen, Korruption, Ohnmacht, absurde Behördengänge, Denunziantentum und Stasi-Atmosphäre. Unglaublich erscheint aus heutiger Sicht, aber wahr, das Horten von scheinbar unnützen Dingen, die man irgendwann mal tauschen kann oder sich selbst damit einen Vorteil verschaffen, die Szenen, in denn der wohlgeplante konspirative Gang im extra Taschen starken Mantel über die Leipziger Buchmesse geschildert wird oder die empörend kleinkarierte Vergabe von Wohnraum durch die Kommunale Wohnungsverwaltung. Als Christian ein Prozess droht, der für ihn ohne Ausweg im Gefängnis endet, entscheidet ein angesehener Verteidiger beim Werfen einer Münze, ob er den Fall, da selbst überlastet, übernimmt. Eine Farce, wie so vieles. Neben DDR-Witzen, frei nacherzählten Auszügen aus Protokollen des Schriftstellerverbandes, euphorischer Mai-Plakatierung an Friedhöfen oder Lehrstunden im Lügen, die Christian letztendlich nicht vor dem Militärknast bewahrt haben, hat Uwe Tellkamp auch ein wahres Museum an DDR-Produkten zusammengetragen. Aber neben den auch komischen Erinnerungen geht es doch immer um Unfreiheit, um Zensur in der DDR-Literatur, unerträglich selbstgefällige Altkommunisten, ihre Doktrin und schlechte Prosa.

Uwe Tellkamp hat historische Materialien angehäuft, verarbeitet und in diesem über 900 Seiten – Roman in eine aufregende Handlung verwandelt. Im Leserausch stolpert man einmal auch über den Namen Tellkamp ( S. 716), der mitten in der Panik beim Stromausfall im Krankenhaus fällt.

Uwe Tellkamp ist ein äußerst genauer Protokollant der letzten sieben Jahre der DDR. Mag es auch ein tiefes Aufatmen nach der Lektüre geben, zum einen, weil der Spuk vorbei ist, zum anderen weil doch einige ausufernde Passagen mühsam zu lesen sind, so ist doch eines klar: Wer wissen will, was die DDR war, hier kann sich jeder ein genaues Bild verschaffen.

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