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von Karin Hahn

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Peter van Gestel: Wintereis, Beltz & Gelberg, Weinheim 2008, Roman

Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler, 336 Seiten. Gebunden im Schutzumschlag, €17,90

Der heute 71-jährige niederländische Autor Peter van Gestel hat Drehbücher geschrieben und in deutscher Sprache drei Kinderbücher (Auf leisen Pfoten, Marikken, Die Prinzessin im Rosengarten) veröffentlicht. Mit „Wintereis“ ist ihm ein herausragender Roman für Kinder und Erwachsene gelungen, der aus der Perspektive des 12-jährigen Thomas ein Kapitel aus der Nachkriegszeit erzählt. Im Nachwort von Mirjam Pressler heißt es: "’Wintereis' ist nicht ganz autobiografisch. Ich war ungefähr so alt wie Thomas, aber meine Mutter war nicht gestorben. Man könnte sagen, meine Kindheit war die Quelle der Inspiration, nicht mehr, nicht weniger. Trotzdem: Auf eine bestimmte Art und Weise sind Thomas und ich Zwillingsbrüder."

Peter van Gestel erzählt eine Freundschaftsgeschichte, die in der

„Zwischenzeit“ in Amsterdam spielt. Der Krieg ist gut zwei Jahre zu Ende, die Leute kümmern sich um die alltäglichen Dinge, der Wiederaufbau lässt auf sich warten.

Der Roman beginnt im August 1947. In der Rahmenhandlung lernt der Leser Thomas Vrij, den Ich-Erzähler kennen. Er hält einen Brief von seinem Freund Piet Zwaan in Händen und erinnert sich an die gemeinsame Zeit mit Zwaan und dessen Cousine Bet. Alle drei lernen sich im eiskalten Winter des gleichen Jahres kennen.

Thomas lebt allein mit seinem Vater, die Mutter ist bei Kriegsende an Typhus gestorben. Der Vater ist introvertiert, etwas weltfremd und konfus, aber er hat literarische Ambitionen.

„Mein Vater nennt sich selbst einen Kritzler, andere Leute sagen, er wäre ein Schriftsteller. Ganz klar im Kopf ist er jedenfalls nicht. Er sagt zum Beispiel: „Ich kann nur nachdenken, wenn ich schreibe. „ So ein Unsinn. Ich will später kein Schriftsteller werden, das ist nichts für mich. Ein ganzes Buch ausdenken – das scheint mir eine Schweinearbeit, man bekommt einen krummen Rücken davon und hat nie Zeit, mit seinem Sohn Domino zu spielen.“

Da der Vater immer auf der Suche nach Jobs ist, um sich und seinen Sohn über Wasser zu halten, hat Thomas viele Freiheiten, denn der Vater setzt ihm keine Grenzen. Der Junge ist ein schlaksiger Flegel, der in einer lakonischen, schnodderigen, sehr direkten Art erzählt. Thomas hat viel Fantasie, er denkt sich gern spontan Geschichten aus. Zwischen Vater und Sohn gibt es eine enge Verbindung, aber Thomas ist auch in der Phase, wo er den Vater, die Erwachsenen sehr kritisch betrachtet. Und er interessiert sich für Mädchen. Die Kinder müssen viel mit sich allein ausmachen, es wird wenig mit ihnen gesprochen. Die Erwachsenen müssen sich um die alltäglichen beschwerlichen Sachen kümmern, denn der Winter ist eisig kalt.

Als Zwaan neu in die Klasse kommt, entspinnt sich ganz langsam zwischen den beiden Jungen eine Beziehung. Piet Zwaan ist so ganz anders als Thomas. Er ist im Gegensatz zu Thomas der Junge mit den sauberen Fingern, der immer schrecklich ordentlich angezogen ist. Er lacht kaum, wirkt und redet wie ein Erwachsener

Aber Zwaan ist der einzige, der Thomas nach der verstorbenen Mutter fragt. Und das hat auch einen Grund. Auf Thomas direkte Frage, wo denn Zwaans Eltern sind, gibt er zuerst keine Antwort. In Andeutungen und sehr langsam vertraut sich Zwaan Thomas an, erzählt ihm, dass er seine Eltern zuletzt gesehen hat, da war er knapp 6 Jahre alt, als Juden wurden sie deportiert und ermordet.

Zwaan konnte 1941 bei Freunden der Eltern untertauchen, dort blieb er fünf Jahre und lebt jetzt wieder in Amsterdam bei Tante Jos und seiner 14-jährigen Cousine Bet. Auch Bets Vater war Jude und wurde getötet

Erschreckend für die Kinder ist, dass die Erwachsenen so tun als sei nichts geschehen. Thomas wird sogar als Judenfreund von seinem Klassenkameraden Olli beschimpft. Warum das alles geschehen ist, müssen die Kinder sich selbst zusammenreimen. Zwaan sucht sich eigene Antworten:

"Sie sind ermordet worden, weil sie mehr als zwei jüdische Großeltern hatten."

Und auch für die Judenfeindschaft Ollis hat Zwaan eine simple Erklärung:

"Er hat, glaube ich, mehr als zwei Großeltern, die Juden hassen."

Die Freundschaft zwischen Thomas, Zwaan und Bet wird immer enger. Die Kinder verleben viel Zeit zusammen, sie gehen ins Kino. Sie reden über alles, was sie bewegt: über den Tod, das Alter, die Liebe, das Nichts, das Schweigen der Erwachsenen, die unerklärlichen Dinge und so sagt Bet zu Thomas: ....ich weiß nicht, wen alles sie ermordet haben, und niemand kann dir sagen, warum, ich wüsste gerne, warum, du nicht?“

Im Zentrum der Geschichte steht der Junge Thomas, der durch seine direkte, unverstellte Perspektive immer wieder auch die Traurigkeit und Dramatik der Handlung durchbricht. Thomas hat viele Fragen, er provoziert, aber er kann auch zuhören. Wenn er traurig ist, dann kann der aufbrausende Junge ungerecht und gemein werden. Doch seine unverstellte Wut ist auch verständlich und befreiend. Getragen wird die Handlung und das ist meisterlich, durch die aussagekräftigen, lebendigen Dialoge. Manchmal sind die Gespräche hölzern und von Thomas Seite aus auch schroff, die Kinder reden aneinander vorbei, dann sind die Dialoge wieder so feinsinnig und tiefgründig, aber es sind auch Gespräche, wo vieles ungesagt bleibt, zwischen den Zeilen einfach mitschwingt. Oftmals sagen die einfachen Dialoge mehr als wirklich ausgesprochen wird.

Viele Bücher sind erschienen, die aus der Sicht von Zeitzeugen über die Verfolgung der Juden berichten und diese Geschichten dann literarisch verarbeiten. Peter van Gestel wählt für seinen Roman einen ganz anderen Blickwinkel, die Handlung ist erfunden, aber er verarbeitet auch eigene Kindheitserinnerungen. Durch die Wahl der Erzählerposition, durch Thomas, der von außen kommt und so gar nichts weiß, wird der Leser auch ganz behutsam mit dem Schicksal der jüdischen Familie und der Traurigkeit von Zwaan und Bet vertraut gemacht. Peter van Gestel entwirft auch ein zeithistorisches Bild: vom Schweigen, von der Unsicherheit, aber auch vom Verlust der Kinder, die sich ihren eigenen Antworten suchen müssen. Tante Jos hat ihren Lebensmut verloren und ihre Tochter Bet versucht ihr nun alle Sorgen abzunehmen. Es gibt Szenen, wo Thomas sich die Fotos der Familie ansieht und weiß, alle sind tot. Bet und Zwaan gehen immer wieder zum Bahnhof und warten in der Hoffnung, die Eltern könnten zurückkehren. Die ermordeten Eltern sind ein zentrales Thema, aber das Buch ist nicht im tieftraurigen Ton geschrieben. Und das ist das faszinierende, wie Peter van Gestel die drei Kinder darüber miteinander reden lässt: in eindrücklichen Dialogen, voller Intensität, aber auch Einfachheit und philosophischen Tiefe.


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