REZENSION

von Karin Hahn

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SUMMER 2009

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Eleonora Hummel: Die Venus im Fenster, Steidl Verlag, Göttingen 2009, 224 Seiten, Hardcover, €18,00

„Eigentlich sollte mir das Warten nicht schwer fallen, waren wir doch alle geübt darin. Manchmal schien es mir, als gäbe es in unserer Familie ein Warte-Gen. Jeder hatte irgendwann auf irgendetwas gewartet.“

Eleonora Hummel erzählt in ihrem zweiten Roman nach „Die Fische in Berlin“ in Ansätzen wieder autobiographisch von ihrer Familie, von der Suche nach neuen Wurzeln, Identitäten und dem doch nicht loslassen können.

Alina Schmidt steht auf dem Berliner Ostbahnhof und wartet auf ihre Schwester Irma und ihre Nichte. Zehn Jahre sind seit ihrer Ausreise, all den Illusionen und Hoffnungen vergangen. Nun ist die Mauer gefallen, die DDR ist verschwunden und Alina weiß immer noch nicht so richtig, wer sie eigentlich ist. Der Zug verspätet sich. Die jungen Frau erinnert sich in Rückblenden an die eigene Einreise in die DDR als sie 13 Jahre alt war. Voller Hoffnungen kommt Familie Schmidt, ohne Irma, die ihren Soldaten Sergej geheiratet hatte, in Dresden an. In der DDR wollen sie nicht bleiben, sie hoffen auf die Weiterreise in das andere Deutschland. Oma Erika nimmt die Familie am ersten Tag in ihrer winzigen Wohnung auf. Erikas Geschichten der Familie Hönle, Pietisten aus dem Württembergischen, die bereits Mitte des 19. Jahrhunderts unter Zar Alexander I. in eine unfruchtbare Region des Reiches gelockt wurden, begleiten Alina durch ihre Kindheit. Erika berichtet von ihrem viel zu früh verlorenen Ehemann, von dessen Tod die Großmutter erst nach 25 Jahren erfahren durfte. 1937, kurz nach seiner Verhaftung, wurde er als Staatsverräter durch einen Genickschuss ermordet. Fast lapidar erzählt, steht zwischen den Zeilen des Grauen, das Unwägbare. Immer auf der Suche nach der richtigen Heimat, dem richtigen Namen, verschlug es die Großmutter mit ihrem Sohn Albert, Alinas Vater, von Kasachstan, im II. Weltkrieg wieder ins deutsche Roßleben und dann wieder zurück in die weiten Regionen des Sowjetstaates und dann nach Dresden. Behalten hat die Oma ihren Dialekt, ein paar Erinnerungsstücke und die Geschichten, die im Laufe der Zeit sich verklärt anhören. Die große Liebe Oskar wird idealisiert, Albert, der Sohn oft allein gelassen, da die Mutter schwer arbeiten musste. Ein Leben voller Höhen und Tiefen in der Warteschleife, auf der Suche nach Identitäten und immer in der Hoffnung, woanders könnte alles viel besser sein. Auch Alina wartet wie eine Besucherin in der neuen Deutschen Demokratischen Republik auf den Beginn des Lebens und bleibt außen vor, als würde sie das ihr aufgebürdete Familienerbe nicht tragen können. Sie findet ihre Passion im Zeichnen und in der Suche nach der Venus am Sternenhimmel. Illusionen, Hoffnungen, die Schrecken der Vergangenheit, Deportationen, Ausreisen, Einreisen, Namensänderungen und doch die Gewissheit nie richtig anzukommen schwingen in allen Erinnerungen mit. Am Ende ist die Familie auseinandergefallen und nur die Frauen sitzen an einem Tisch. Nur Irma greift bodenständig und schnell nach dem neuen Leben. Manchmal kann es auch ganz einfach gehen.

Eleonora Hummel, in Kasachstan geboren und als Russlanddeutsche mit der Familie in der DDR gestrandet, wo man eigentlich gar nicht hin wollte, erzählt mit leiser Ironie von den unterschiedlichen Lebenswegen, die irgendwann für jeden gedanklich oder auch wirklich wieder in der Sowjetunion enden.

Es sind die Episoden vom realen Leben im Sozialismus, die nur aus der Perspektive des Rückblickes, leicht naiv somit auch komisch wirken. Vom ersten Augenblick des Lesens zieht Eleonora Hummel den Leser in dieses bewegende Schicksal einer Familie hinein.

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