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REZENSION von Karin Hahn |
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BOOK REVIEWS SUMMER 2009 Belletristik |
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David Gilmour: Unser allerbestes Jahr, S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2008, 253 Seiten, 18,95 Euro „ Wir hätten genauso gut tauchen gehen können oder Briefmarken sammeln. Die Filme dienten als Anlass, Zeit miteinander zu verbringen, Hunderte von Stunden. Und sie öffneten die Tür zu allen möglichen Gesprächsthemen -“ Einen Ratgeber der besonderen Art für Schulverweigerer, lethargische Jugendliche und ratlose Eltern hat der kanadische Publizist und Filmkritiker David Gilmour geschrieben. Offensichtlich sind seine Erinnerungen autobiographisch geprägt, was die Lektüre und das dreijährige Experiment um so interessanter machen. Auf der Suche nach dem richtigen Weg ins Leben für seinen 16-jährigen, ziemlich friedfertigen Sohn Jesse, der zum Schulschwänzer geworden ist, entwickelt David eine ungewöhnliche Therapie. Ihm ist bewusst, das er jetzt, zu diesem Zeitpunkt, sein gutes Vertrauensverhältnis zum Sohn nutzen muss. Jetzt ist er noch Gesprächspartner, später könnte er ihn aus den Augen verlieren, auch wenn beide Tür an Tür wohnen. Jesse soll erstmal zum Vater ziehen. Dann fasst er mit dem Einverständnis seiner Ex-Frau Maggie einen ungewöhnlichen Entschluss: Drei Filme soll der Sohn mit dem Vater pro Woche bis zum Ende ansehen. Das ist die Grundbedingung. Er muss dafür nicht mehr in die Schule gehen und auch keine Arbeit aufnehmen. Voraussetzung des Deals: keine Drogen. Nun beginnen für Vater und Sohn nicht ein allerbestes Jahr, so der eigenartige Buchtitel, sondern drei gute Jahre. Die Auswahl der Filme variiert, mal geht es um Kunstfilme, dann wieder ganz gewöhnlichen Mainstreamstreifen bis hin zu Actionfilmen, Liebesfilmen und Thrillern, mal thematisch zusammengestellt, dann wieder spontan gewählt. Von Truffaut, über Hitchcock bis Orson Wells, von Woody Allen über Beatles - Filme, die auf sehr komische Weise die Entfernungen zwischen den Generationen verdeutlichen bis hin zu Klassikern wie „Frühstück bei Tiffany“, „Kitizen Cane“, „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ oder „Der dritte Mann“. Immer wieder interpretieren und diskutieren die zwei Cineasten das Gesehene, debattieren, wer nun der bessere Schauspieler sei James Dean oder Marlon Brando, streiten, kämpfen und setzen sich aktiv auseinander. Jesse lernt ein exzentrisches Mädchen kennen, Vater David stößt an seine beruflichen Grenzen und muss sich nach neuer freiberuflicher Arbeit umsehen. Doch auch ohne Schule und unsicherer Existenz entstehen nach und nach im Wochenalltag der beiden Rituale. David gibt kurze Einführungen in die Filme, sucht nach den spannenden Momenten, um Jesse aus seinen Gedanken herauszureißen und ihm neue Welten zu öffnen. Filme laufen am inneren Augen vorbei und Jesse beginnt langsam nach einem Weg für sich zu suchen. Eine Wanderung durch die Filmgeschichte bieten die Ausführungen David Gilmours zu Schlüsselszenen der Weltfilmkunst. Nebenher geschehen fast unmerklich Erkenntnisgewinne des Pubertierenden, der nach und nach seine Richtung findet. Jesse erkennt, in wie weit Leben und Film sich unterscheiden und doch regen die Geschichten den Jungen an, darüber nachzudenken, was er mit seinem Leben anfangen soll. Mit 19 beginnt er Texte zu schreiben, hält minderwertige Arbeiten als Telefonist oder Tellerwäscher aus und sucht sich eine neue Wohnung mit einem Freund. Mit Witz, viel Geduld und vor allem Enthusiasmus für die Filmgeschichte ist dieses Buch geschrieben, unterhaltsam und zugleich tiefgründig. Es ist eine Hommage eines Vaters an seinen Sohn.
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